Bergbau
ZechenschlotObwohl maßgebliche Geologen noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts überzeugt waren, dass der Rhein als westliche Grenze des Steinkohlengebirges anzusehen sei, regten sich Zweifel an dieser Ansicht.

Der Kaufmann Franz Haniel, Bergwerks- und Hüttenbesitzer in Ruhrort, war davon überzeugt, dass auch auf der linken Rheinseite Steinkohle zu finden sei. Seine Initiative bedeutete den Anfang des Bergbaus am linken Niederrhein. Am 5. Juli 1851 richtete er an das zuständige Bergamt in Düren ein Konzessionsgesuch auf Steinkohle und Eisenstein für ein Terrain, das, gemessen an den Feldesgrößen des westfälischen Kohlenreviers, von enormem Ausmaß war. Auf einem von ihm angekauften, circa 300 Morgen großen Gut bei Hornberg beabsichtigte er, Probebohrungen vornehmen zu lassen. Nachdem fünf Bohrversuche, die einen hohen Aufwand an Material und Zeit erforderten, erfolglos geblieben waren, brachte der sechste den Durchbruch.

Am 15. Mai 1854, knapp drei Jahre nach Beginn der Arbeiten, stieß die Bohrmannschaft in einer Teufe von 174,58 m auf ein 39 Zoll starkes Flöz guter Fettkohle. Dieser Erfolg führte natürlich nicht sofort zur Verleihung einer Gerechtsame an Franz Haniel. Vielmehr musste er sich einerseits mit auf die Ausdehnung des Konzessionsfeldes zielenden Einsprüchen verschiedener Gemeinderäte auseinander setzen, andererseits hatten sich rasch weitere Gesellschaften gebildet, die Bohrungen ansetzten und ihrerseits Konzessionsgesuche einreichten. So reichte die Gesellschaft "Verein", die am Fünderich nördlich von Moers eine erfolg- reiche Bohrung niedergebracht hatte, 1855 ein Gesuch ein, dass das Feld 'Rheinpreußen' zu drei Viertel überdeckte.

Die 155 Mitglieder dieser Bohrgesellschaft sind insofern interessant, als unter ihnen zahlreiche Moerser zu finden waren. Bei den Gesellschaftern handelt es sich überwiegend um Bauern, doch waren auch Apotheker, Pastoren, Advokaten und kleinere Kaufleute unter ihnen. Die meisten hielten nur einen der 277 Anteile ca. 100 Taler) , während der Vorsitzende, der Lauersforter Gutsbesitzer von Rath, zusammen mit seinem Sohn 36 Anteile besaß. Als weitere Konkurrenten, deren Konzessionsgesuche in das Hanielsche Feld zum Teil einschnitten, sind zu erwähnen: der Geheime Kommerzienrat Diergardt zu Viersen, der Kaufmann Stein zu Rheydt, der Handelskammerpräsident Königs zu Dülken und die GeseIlschaft "Grafschaft Moers", die vornehmlich aus Uerdinger Bürgern bestand.

Bei der Konzessionsvergabe stand die Behörde also vor einer Wasserturmschwierigen Situation. Zweifellos konnte Haniel einen gewissen Vorrang für sich beanspruchen, da er schließlich durch seine Bohrung von 1854 das Vorhandensein von Steinkohle auf dem linken Rheinufer nachgewiesen und dazu erhebliche finanzielle Aufwendungen gemacht hatte. Dagegen hatte die Gesellschaft "Verein" mit ihrer Bohrung am Fünderich eine Fundstelle, die weit im Innern des von Haniel beantragten Feldes "Rheinpreußen" lag. Als Kompromiss erhielt Haniel in der Konzessionsurkunde vom 11. Februar 1857 ein Feld zugesprochen, das zwar deutlich kleiner als das beantragte (93,84 Mio. statt 167,5 Mio. qm), verglichen mit den rechtsrheinischen Feldern jedoch immer noch ungewöhnlich groß war. Mit der Konzessionierung war die Voraussetzung für das Abteufen geschaffen. Auf seinem Hornberger Gut, wo seinerzeit die Probebohrungen stattgefunden hatten, ließ Haniel 1857 einen Senkmauerschacht von 7,74 m Durchmesser beginnen. Volle 20 Jahre sollten vergehen, bis die durch wiederholte Schwemmsandeinbrüche gestörten Arbeiten in 132 m Teufe das Steinkohlengebirge erreichten. Zügiger gestalteten sich die Arbeiten an Schacht II, der 1872, nach siebenjähriger Grabungszeit, bei 128 m Teufe zur Kohle vorgedrungen war und bereits 1876 die Förderung aufnehmen konnte.
Nachdem 1898 Schacht III in Förderung gegangen war, griff mit den Abteufungsarbeiten an den Schächten IV (Hochstraß) und V (Utforth) der Bergbau um die Jahrhundertwende auf Moerser Gebiet über. Diese neuen Schächte, die 1904/05 die erste Kohle zu Tage brachten, erwiesen sich als wesentlich erfolgreicher als die in der Bürgermeisterei Hornberg gelegenen Schächte I bis III. Bereits 1908 war die Leistung von Schacht V erstmals höher als die von I/II. Wegen Erschöpfung wurde 1912 Schacht I, 1914 auch Schacht III stillgelegt. Die Jahre um 1900 brachten einen enormen Anstieg von Belegschaft und Produktion. Verstärkte Anstrengungen waren erforderlich, um die zuziehende Arbeiterschaft mit Wohnraum zu versorgen. In den ersten zwei Jahrzehnten der Förderung, als allein die Schächte I und II in Betrieb waren, hatte die Unterbringung der Bergleute keine größeren Probleme bereitet. Jetzt wurde die Anlage von Kolonien nötig. Dies erfolgte in größerem Umfang erstmals 1898-1901, als im Dreieck zwischen Moerser Straße, Kirchstraße und Anschlussbahn sowie an der Rheinpreußenstraße 184 Häuser mit 634 Wohnungen errichtet wurden. 1903-1905 wurden dann weitere 164 Häuser zwischen Moerser Straße, Rheinpreußenstraße und Anschlussbahn gebaut.

War die Baubranche bislang in Moers schwach entwickelt gewesen, so löste das rapide Wachstum des Bergbaues eine Welle von Firmengründungen aus. Besonders die Inbetriebnahme der Schächte IV und V, in deren Folge in fast 600 Häusern circa 2350 Wohnungen entstanden, sorgte für einen außerordentlichen Boom. Waren bei den Schächten I-III nur Zwei- und Vierfamilienhäuser gebaut worden, so ging man nun zum Bau von Drei-, Fünf- und Sechsfamilienhäusern über. Bei der architektonischen Gestaltung dieser mit Vorgärten versehenen Häuser wurde darauf geachtet, dass alle Räume ausreichend Luft und Licht bekamen. Zur Infrastruktur dieser Kolonien gehörte eine Konsumanstalt, in der sich die Bergmannsfamilien mit Lebensmitteln versorgen konnten. 1907 beschäftigten fünf Verkaufsstellen 43 Verkäuferinnen und 15 männliche Angestellte.

Für ledige Arbeiter stand mit der Menage am Westerbruchweg ein Wohnheim zur Verfügung, in dem 100 Personen untergebracht werden konnten.

 

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