Verkehrsverhältnisse
In der Einbindung in ein Netz von Landwegen, Wasserwegen und (seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts) von Eisenbahnlinien spiegelt sich die Bedeutung einer Stadt vornehmlich in wirtschaftlicher Hinsicht. Übte sie eine bedeutende Anziehungskraft auf ihr Umland aus, vermochte sie erhebliche Mengen eigener Erzeugnisse des Handwerks und der Industrie zu exportieren oder Rohstoffe einzuführen, oder konnte sie zumindest als wichtiger Knotenpunkt den überregionalen Verkehr vermitteln, so war ihr ein angemessener Platz im Verkehrssystem sicher. Fast das gesamte 19. Jahrhundert hindurch konnte Moers eine solche Rolle nicht einnehmen. Die verhaltene Gesamtentwicklung der kleinen Stadt, wie es die Bevölkerungs- kurve sinnfällig macht, findet ihre Entsprechung in der untergeordneten Rolle, die sie verkehrsgeographisch einnahm.

RoemerstrasseErst das vorletzte Jahrzehnt brachte erste Eisenbahnverbindungen. Zu Beginn der "zweiten preußischen Zeit" war man sich in Moers durchaus darüber im klaren, dass die Stadt über keine günstige Lage verfügte. Ein Verwaltungsbericht des Jahres 1815 hält lapidar fest, dass die Stadt nicht vermöge ihrer natürlichen Lage durch den Handel emporkommen könne. Dies zielte zum einen auf die Tatsache ab, dass Moers nicht zu den Rheinanliegern gehörte, also nicht zu jenem Typ der "Stadt am Fluss", die von der Bedeutung der Wasserstraßen für den Transport von Gütern und Ideen lebte. Zum anderen fehlte es auch in ostwestlicher Richtung an einer historischen Handelsroute, wie sie mit dem Hellweg für die Städte zwischen Emscher und Ruhr, angefangen von Duisburg im Westen über Essen, Bochum und Dortmund ostwärts, gegeben war. Für eine Koppelung von Versorgung mit Gütern über den Rhein und deren Vermittlung in Nachbarlandschaften, wie dies für Neuss und das linksrheinische Gebiet bis zur Maas und für Wesel und das Münsterland so typisch war, fehlte in Moers jegliche Voraussetzung. Welchen Platz die Stadt vor dem Hintergrund dieser schlechten Ausgangslage im regionalen Verkehrsnetz tatsächlich einnahm, bleibt zu untersuchen.

In Moers verblieb bis zu Beginn der 1880er Jahre den Straßen das Monopol des Transports. Ein abgestuftes System von Staats-, Bezirks-, Kommunal- und Aktienstraßen stand der Bevölkerung zur Verfügung. 1863 stellte sich, folgt man der Statistik des Kreises Moers, die Straßenkarte der Umgebung folgendermaßen dar: Als einzige Staatsstraße führte die parallel zum Rhein verlaufende Cöln-Nymweger-Staatstrasse von Krefeld kommend durch Moers und weiter über Rheinberg nach Xanten. Sie war beileibe nicht so bedeutend, wie es der Name suggeriert. Vielmehr diente sie vor allem dem Verkehr der Nachbarstädte untereinander. Die Gründe dafür sind in der Konkurrenz durch den Rhein und der 1856 in Betrieb genommenen Eisenbahnstrecke Oberhausen-Arnheirn zu suchen. Als nicht unbedeutend wurde der Verkehr auf der Moers-Aldekerker-Bezirksstraße eingestuft, die sich über Aldekerk nach Kempen und über Moers nach Hornberg fortsetzte. Dieser rührte im wesentlichen von der Anziehungskraft her, welche die Eisenbahnstationen Aldekerk und Hornberg sowie die Kohlenniederlagen in Hornberg ausübten. Als die mit Abstand verkehrsreichste Strecke ist die 1841 angelegte Moers-Homberger-Aktienstraße hervorzuheben. Sie war weder vom Staat noch von den Kommunen erbaut, sondern, wie der Name andeutet, mit dem privaten Kapital einer Aktiengesellschaft. Sie wurde nicht nur von zahlreichen Kohlefuhrwerken befahren, auch verkehrten auf ihr täglich sechs Personenposten. Die beiden Barrieren erbrachten 1861 zusammen knapp 1500 Taler. Die mit einer Barriere in Bettenkamp versehene Gemeindechaussee von Moers nach Krefeld bildete die kürzeste Verbindung dieser beiden Städte, denn sie war um das Viertel einer preußischen Meile kürzer als der Weg über Uerdingen, den die Köln-Nimweger-Staatsstrasse nahm. Der Betrag von 296 Talern Barrieregeld für 1861 zeigt, dass der Verkehr nur mäßig war. Von den kleineren Strecken sind die Straßen über Rayen nach Rheurdt und über Repelen nach Orsoy hervorzuheben, wobei die letztere von einer täglichen Post befahren wurde. Um 1860 war das Straßensystem somit gekennzeichnet von zwei Hauptstrecken: der Ostwestverbindung von Hornberg über Moers nach Aldekerk und der Südnordverbindung von Krefeld über Moers nach Rheinberg. Zweifellos profitierte Moers stark von dem expandierenden Hornberg, das als Kohlenniederlage und Bahnstation der Linie Aachen-Ruhrort interessant war. Auf diesen Straßen verkehrten mehrere Reichspostlinien, die auch Personen beförderten. Vor dem Bau von Eisenbahnlinien vermittelten die Personenposten den Reiseverkehr, den man sich allerdings nicht zu umfangreich vorstellen darf. Das Zurücklegen großer Entfernungen auf Schusters Rappen war vornehmlich wegen der Kostenersparnis für große Teile der Bevölkerung selbstverständlich. So prägten Fußgänger das Bild der Landstraßen in weit höherem Maße, als wir es uns heute vorzustellen vermögen. Auskunft über die Personenpostanschlüsse erhielt das Publikum unter anderem in der örtlichen Presse. Mit sechs Posten war die Strecke Moers-Homberg die am besten versorgte; in dem Rheinort konnten Reisende einen Zuganschluss über Ruhrort nach Köln und über Minden nach Berlin erhalten und zudem das Ruhrgebiet erreichen. Um neun Uhr ging die Postkutsche Richtung Aldekerk ab, um dort Anschluss an die Bahn nach Kleve zu erhalten. Gegen 15.10 Uhr verließ die Kutsche die Stadt Richtung Kleve, die auf ihrem Weg verschiedene Umsteigemöglichkeiten bot: in Rheinberg Richtung Geldern, in GrünthaI Richtung Wesel und Geldern, in Xanten Richtung Geldern und in KaIkar Richtung Kevelaer. Schließlich ging nachmittags gegen 16.20 Uhr die Post nach Orsoy ab. Nur wer im Nahbereich einen Termin wahrzunehmen hatte, etwa in Hornberg, Duisburg, Ruhrort oder Krefeld, konnte am selben Tag nach Moers zurückkehren, schon bei den etwas entfernteren Zielorten war um eine Übernachtung nicht herumzukommen. Der Fahrplan lässt gut erkennen, dass Moers Anfang der 1860er Jahre bereits von mehreren Eisenbahnlinien umgeben war, ohne direkt tangiert zu werden. Dies sollte sich erst Anfang der achtziger Jahre ändern.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Eisenbahn auch am linken Niederrhein ihren Siegeszug. Man muss sich vergegenwärtigen, was die Einführung eines derart leistungsfähigen Transportmittels bedeutete. Sie erfolgte keineswegs problemlos, da das neue Verkehrsmittel in vielem der überkommenen Gesellschaft entgegenstand. Die Möglichkeit, mit ihm die 35 deutschen Einzelstaaten der nachnapoleonischen Zeit zu verklammern und so gleichsam im Sinne der Nationalstaatsbildung zu wirken, wurde von mancher Regierung abgelehnt. Dass das neue Verkehrsmittel Schichten erhöhte Mobilität gewährte, denen eine solche bislang versagt war, wurde je nach Standpunkt begrüßt oder bedauert. Für Preußen bedeutete die Eisenbahn eine willkommene Möglichkeit, die Rheinprovinz mit dem Kernland zu verbinden; das war nicht zuletzt in militärischer Hinsicht bedeutsam. Die 1847 fertiggestellte Köln-Mindener Eisenbahnlinie, die in Minden Anschluss nach Berlin bot, war die erste Linie des niederrheinischwestfälischen Gebietes. Dass der linke Niederrhein etwas I{ verspätet an der Entwicklung teilnahm, hängt nicht allein mit seiner geringeren wirtschaftlich-industriellen Bedeutung zusammen, sondern ist auch Ausdruck strategischer Überlegungen. In Berlin wurde die Befürchtung gehegt, daß die im grenznahen Bereich des Westens gelegenen Linien im Konfliktfall vom Gegner genutzt werden könnten. In Moers fehlte es nicht an Bemühungen seitens der Stadtverwaltung, früh Anschluss an das linksrheinische Eisenbahnnetz zu gewinnen. 1856 setzte die Stadtverordnetenversammlung mehrfach die Bahnfrage auf die Tagesordnung. Konkret ging es um den Bau einer Linie Krefeld-Moers-Rheinberg-Xanten-Kleve. Diese Strecke sollte Teil einer linksrheinischen Verbindung von Köln nach Holland sein, doch wurde um die Trasse zwischen Krefeld und Kleve lange und hart gerungen. Schließlich setzte sich gegenüber einer östlichen Streckenführung über Moers und Xanten die westliche über die noch völlig im Abseits liegenden Orte Kempen, Aldekerk, Geldern und Goch durch. Passierte seit Anfang der 1860er Jahre diese Linie Moers in einiger Entfernung im Westen, so war gut ein Jahrzehnt früher im Osten und Süden die Linie Aachen-Ruhrort in Betrieb genommen worden, die mit der Station Trompet den nächstgelegenen Haltepunkt für die Moerser bot. Trotz dieses Misserfolgs ließen die Stadtväter nicht nach in dem Bemühen, das seit 1857 in den Rang einer Kreisstadt erhobene Moers an das Bahnnetz anzuschließen. 1862 beschäftigte das Projekt einer Verbindung von Venlo über Moers nach Ruhrort, zehn Jahre später das einer solchen von Krefeld über Moers und Rheinberg zur Weseler Rheinbrücke hin die Stadtverordnetenversammlung. Doch sollte es bis 1882 dauern, ehe mit der Verbindung Moers-Krefeld (über Kapellen, Niep und Hüls) der erste Anschluß gelang. Die Entscheidung zu diesem von der Krefelder Eisenbahngesellschaft realisierten Bahnbau mag von der Tatsache beeinflusst worden sein, dass die Seidenweberei Schroeder, mit etwa 400 Beschäftigten in jener Zeit größter Arbeitgeber in Moers, ihren Hauptsitz in Krefeld hatte. Im folgenden Jahr erhielt dann die verkehrsintensivste Verbindung der Stadt, die nach Homberg, ebenfalls eine Bahnlinie, wodurch der Anschluss an das rechtsrheinische Bahnnetz hergestellt wurde. Es handelte sich um eine dampfbetriebene Kleinbahn, deren Trasse über die Moers-Homberger-Aktienstraße führte. Mit ihr konnte die knapp 6 km lange Strecke in etwa einer halben Stunde zurückgelegt werden, eine nicht gerade atemberaubende Geschwindigkeit, die mit der ungünstigen Streckenführung und der gefährlichen Enge der in den Stadtbereichen liegenden Straßen zu erklären ist.

Neben dem bedeutenden Güterverkehr nahm in den Jahren nach der Jahrhundertwende, bedingt durch den sich rasch entwickelnden Bergbau, der Personenverkehr stark zu: von 143000 verkauften Fahrkarten 1901 auf 242000 im Jahr 1907. Bis 1908 verkehrte die Dampfbahn zwischen beiden Orten, um dann einer elektrischen Straßenbahn zu weichen. Zwar existierte in Hornberg noch keine Rheinbrücke, doch schon um die Jahrhundertmitte war es gelungen, mit Hilfe einer bemerkenswerten Einrichtung den Rhein für Bahnwaggons überwindbar zu machen. Hydraulische Hebewerke auf beiden Ufern ermöglichten 11 das Verfrachten auf spezielle Trajekt-Dampfboote, welche die Waggons über den Fluss setzten. Bis zum Bau der Rheinbrücke Homberg-Ruhrort 1907, an dem sich die Stadt Moers mit gut 200.000 Mark beteiligte, blieb dieses Trajekt in Betrieb. Die Einrichtung einer durch Moers führenden Nordsüdverbindung, in den 1850er Jahren gescheitert, harrte weiter der Verwirklichung. Verschiedener Anläufe hat es bedurft, bis endlich 1904 die Bahnlinie Rheinhausen-Kleve über Moers, Rheinberg, Xanten und Kalkar auf ganzer Länge befahren werden konnte. Was in Moers nach der Eröffnung dieser Nordsüdtrasse als besonders notwendig erachtet wurde, war die Einrichtung einer Kreisbahn, die mehrere Bedürfnisse befriedigen sollte: das verkehrsgeographisch im Abseits gebliebene Orsoy einzubeziehen (Rheinanschluß! ) , die bevölkerungsreichen Bergbausiedlungen anzubinden und eine Reihe von Landgemeinden (vor allem im Westen der Stadt) mit der Kreisstadt zu verbinden. Diese Aufgaben sollte die von Sevelen über Rheurdt, Schaephuysen, Vluyn, Neukirchen und Hülsdonk nach Moers und weiter über Meerbeck, Baerl und Orsoy nach Rheinberg führende Bahn erfüllen, die 1910 nach etwa dreijähriger Bauzeit in Betrieb genommen werden konnte. Sie erfreute sich regen Zuspruchs und hatte im Sommer Hochkonjunktur, wenn die Kevelaerpilger in Scharen von Moers bis Sevelen fuhren, um den restlichen Weg zu Fuß zurückzulegen. Ergänzungen zu dem mittlerweile ansehnlichen öffentlichen Verkehrsnetz bedeuteten die Inbetriebnahme einer von der Rheinischen Bahngesellschaft eingerichteten elektrischen Bahn von Düsseldorf über Uerdingen nach Moers 1908 sowie die 1915 eröffnete Straßenbahnlinie Kamp-Repelen-Moers, die der fortschreitenden Industrialisierung im Norden der Stadt Rechnung tragen. Überblickt man die Entwicklung der Verkehrsverhältnisse der Stadt Moers, so ist der enge Zusammenhang zwischen Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung einerseits und dem Ausbau des Eisen- und Straßenbahnnetzes andererseits unübersehbar. Denn vom Aufschwung der Schroederschen Fabrik um 1880 und von dem des Bergbaues Anfang des 20. Jahrhunderts sind die stärksten Impulse für die Verbesserung des öffentlichen Personenverkehrs ausgegangen.

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